15 - 12 - 2017

Stehende Ovationen für Musik und Rezitation

ERSTES WARFLETHER LIEDER-PFINGSTEN
 
Konzerte in der Warflether St.-Marien-Kirche beeindrucken das Publikum / Einführung durch Initiator Reinhard Rakow

Stehende Ovationen für Musik und Rezitation

19.05.2016

Gut zu wissen etwa, dass Hindemith von seinem Malerfreund Heinrich Vogeler angeregt wurde, die wortgewaltigen Reime Rainer Maria Rilkes zu vertonen. Letzterer hatte sich durch Marienbildnisse unterschiedlichster Epochen zu seiner Dichtung inspirieren lassen. Das daraus entstandene Liederwerk, das eine wenig überhöhte, zumeist sehr menschliche Maria beschreibt, ließ sich durchaus intuitiv genießen – wie etwa die musikalisch genial umgesetzte Mischung aus Irritation und Aufgebrachtheit beim „Argwohn Josephs“. Aber die Hinweise auf die komplexen kompositorischen und textlichen Strukturen, die sich beide unterschiedlichster Stile bedienen, machte das Erlebte zu einer akustischen Entdeckungsreise voller beeindruckender Überraschungen.

Großartig, wie die Sängerin mit nuancierter Artikulation die Facetten unterschiedlichster Gemütsbewegungen zu betonen wusste. Oder wie Nicholas Rimmer mit großer Sensibilität, sich niemals in den Vordergrund drängend, für eine ebenso fein gewobene wie solide gestaltete Klavierbegleitung zu sorgen wusste und tastensicher eine breite Palette vom Magisch-Meditativen über ausgelassenen Frohsinn (Hochzeit zu Kana) bis hin zum Dramatischen (Passion und Tod) präsentierte. Und als Sängerin und Pianist bei der letzten Strophe zum grandiosen Fortissimo-Schlussakkord anhuben, da schien es fast, als müssten die Mauern der Kirche bersten.

Nicht minder spannend geriet das Folgekonzert, beginnend mit der gar schaurigen „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, einem ausgesprochen selten zu hörenden Melodram nach Rilke-Texten, vertont vom jüdisch-österreichischen Komponisten Viktor Ullmann, der von den Nazis in Auschwitz umgebracht wurde.

Eine ungemein lebendige Rezitation durch Stefan Haselhoff dieser balladesken Geschichte von Vaterlandsliebe und sinnlosem Heldentod, dazu die dramatisch düsteren Harmonien des Klavierparts (im Dauereinsatz: Nicholas Rimmer), das ließ in der Kirche in einer Art Live-Hörspiel eine geradezu Gänsehaut generierende Atmosphäre entstehen.

Es erschien kaum denkbar, dass der folgende, vielen Zuhörern gewiss bestens bekannte Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ von Franz Schubert mit einem derart aufwühlenden Programmpunkt noch mithalten könne. Aber weit gefehlt. Mit makelloser Stimme machte Tenor Simon Bode jedes einzelne Lied zu einem Juwel, indem er mit größter sanglicher, mimisch und gestisch untermauerter Intensität eine mitreißende, in jeder Hinsicht glaubhafte Achterbahn der Gefühle gestaltete: Zunächst die beschwingte Heiterkeit des wanderlustigen Müllergesellen, dann die mit Herzblut und in höchsten Tönen beschworene, aber letztlich unerfüllt bleibende Liebe; schließlich zunehmende Resignation und Todessehnsucht des Protagonisten.

Berauschender Gesang, bestimmt von überbordenden Emotionen, in perfekter Übereinstimmung vom berückend empfindsam gespielten Klavierpart untermalt. So geht Romantik in packendster Form. Ergriffenes Schweigen zunächst, dann begeisterter Jubel, Bravo-Rufe und Standing Ovations. Das Erste Warflether Lieder-Pfingsten hat Großes versprochen, alles gehalten. Und Maßstäbe gesetzt, die kaum noch zu toppen sind.

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