17 - 07 - 2018

Rückblick auf die VI. Bücherwochen 2017

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Interview


NWZ 04.01.2018
Dem Frieden näher gekommen

Frieden war das Leitthema der 6. Berner Bücherwochen. Organisator Reinhard Rakow erklärt im NWZ-Interview, warum das Motto so wichtig war und ob er nach Abschluss nun seinen Frieden mit dem Veranstaltungsmarathon gemacht hat.

Frage; Was bleibt vom Frieden nach den 6. Berner Bücherwochen?

Reinhard Rakow: Vom Frieden in der Welt? Sehen Sie sich die Verteidigungshaushalte an oder Statistiken zu häuslicher Gewalt. Es wäre vermessen gewesen, zu denken, daran könnten die Bücherwochen Entscheidendes ändern. Aber vielleicht bewahrt der eine oder andere nach dem Lesen einer Erzählung, nach dem Hören eines Vortrags die Idee der Friedfertigkeit doch in seinem Herzen und handelt im alltäglichen Zusammenleben danach, hinterfragt künftig militärische „Logik" und setzt sich ein für Gewaltlosigkeit.
Pastor Krügener aus Hildesheim, einer der Referenten, streitet dafür, inner- und zwischenstaatliche Gewalt genauso zu ächten und zu verbieten wie Gewalt in der Erziehung. Ebenso wenig wie der Rohrstock oder die Tracht Prügel letztes Mittel der Erziehung sein darf, so wenig darf Krieg letztes Mittel von Politik sein. Unser Denken sollte sich vielmehr an der Frage ausrichten: Wie komme ich zu tragfähigen Ergebnissen, ohne draufzuhauen?
Zivile, gewaltfreie Verfahren sind vielleicht anstrengender und zeitintensiver, aber nachhaltiger und dem Menschen würdiger. Wenn man diese Sicht erst einmal verinnerlicht hat, ändert sich der Blick auf die Welt und der Umgang mit ihr.
Ein schönes Beispiel ist das Bücherwochen-Projekt der Oberschule Berne. Hier haben die Schüler sich in die Rolle Gleichaltriger versetzt, die aus Afrika nach Europa fliehen. Anschließend befragt, ob und was sich durch dieses Projekt praktisch für sie geändert hätte, kam als Antwort: „Wir gehen jetzt sensibler miteinander um".
Oder nehmen Sie die 93-jährige Milda Frebel, die ganze 30 Jahre, bis 1975, gebraucht hat, um die Schrecken des letzten Krieges schreibend zu verarbeiten. Weitere 42 Jahre später findet ihre Niederschrift von 1975 den Weg in unser „Wesermarsch-Lesebuch", und das Vorlesen im Fischerhaus löst sie auf in Tränen. Nur: Je weiter die Menschen vom unmittelbaren Erleben des Krieges entfernt sind, je jünger sie sind, desto stumpfer und unbefangener begegnen sie im Allgemeinen Krieg und Kriegspielen und Kriegsfantasien. Das muss sich ändern, und alles, was hilft, die Sinne in dieser Richtung zu schärfen, ist ein Gewinn für uns alle.

Frage: War das Rahmenprogramm dem Thema angemessen ?

Rakow: Frieden ist ein Thema, das sich in noch so vielen Veranstaltungen nicht erschöpfend behandeln lassen wird. Immerhin haben die Bücherwochen-Vorträge einige wesentliche Aspekte beleuchtet wie Ausgrenzung, Ausländerhass, Antisemitismus, aber auch Christentum, Judentum und Islam, familiäre, schulische und Anstaltsgewalt. Es ging um Gewaltprävention, um Hingucken und Nicht-Vertuschen, um Widerstand und auch um Ausbeutung und andere wirtschaftliche Faktoren. Das ist schon mehr als nichts, und deshalb viel wert in einer Zeit, die Verdummung zum Geschäftsprinzip erhebt.
Ob etwas gefehlt hat? Ja. Ich hätte das Thema Militär gerne prominent besetzt. Aber den Referenten, den ich suchte, habe ich nicht gefunden: einen mit großem Fachwissen, verzweigt und moralisch denkend, über jedwede Zweifel erhaben und noch dazu bezahlbar.

Frage: Wie schwer ist der jeweiligen Jury die Textauswahl für die Buchprojekte gefallen, welche Kriterien waren am Ende also ausschlaggebend?

Rakow: Das Verfahren ist mehrstufig. Erst werden die Formalien geprüft, Einsendeschluss, Textlänge, unterschriebene Autorenerklärung. Dann geht es um Ausschlussgründe wie Plagiatsverdacht oder Gewaltverherrlichung. Anschließend werden Themenblöcke gebildet. Bei den Blöcken mit den meisten Texten wird im Zweifel stärker gesiebt.
Zum Schluss geht es um Themennähe, Originalität und Qualität. Wobei im Falle der Anthologie „FriedenLieben" schon die riesige Zahl von Einsendungen zu einer erheblich strengeren Auswahl gezwungen hat. Mehr als 500 Seiten passen nun mal nicht zwischen zwei Buchdeckel.
Beim „Lesebuch für die Wesermarsch" sind die Formalien weniger rigoros, die Jury ist kleiner, das ganze Verfahren einen Tick entspannter.

Frage: Welche Geschichte hat Sie besonders berührt?

Rakow: Helga Bürsters „Pflastersteine" in „FriedenLieben", da stockt einem beim Lesen der Atem. Bei „Alltag" vielleicht die „Sekundenzeiger"-Geschichte von Annelore Bergner und „Ludger" von Uwe Pohl. Und das komplette Buch der Oberschule Berne, „Flucht aus Afrika".

Frage: Welcher Autor oder Vortragende hat Sie am meisten überrascht?

Rakow: Erstens: Milda Frebel. Als ihr die Stimme versagte, weinte das ganze Fischerhaus mit. Zweitens: Ulrike Migdal. Ihr Vortrag über die in Auschwitz vergaste Dichterin Ilse Weber war fachlich und von der Art der Darbietung der beste Vortrag, den ich jemals gehört habe. Der Vortrag ist danach zweimal im Rahmen der Bücherwochen wiederholt werden, an der Jacobs University Bremen und am Gymnasium Brake, und jedes Mal herrschte bei den Zuhörern eine absolute, erschütterte Stille über die Vortragsdauer von 90 Minuten hinweg.

Frage: Was kann nach Frieden eigentlich noch kommen?

Rakow: Unendlich viel, Frieden bedeutet ja nicht Grabesfrieden. „Solidarität", „Barmherzigkeit" bewegen mich, aber auch scheinbar nüchternere Themen wie „Wandern" oder „Orte". Vielleicht sogar „Heimat".

Torsten Wewer
https://www.nwzonline.de/autor/torsten-wewer

https://www.nwzonline.de/wesermarsch/kultur/buecherwochen-dem-frieden-naeher-gekommen_a_50,0,2250213433.html