18 - 10 - 2017

Menschliche Wärme und Forschergeist

Nordwest-Zeitung

Konzert
Menschliche Wärme und Forschergeist

Nina Tichman begeistert mit Bachs Goldberg-Variationen in der Warflether Kirche


Horst Hollmann    
Ungefähres liebt die Pianistin nicht. Auch die schnellsten Läufe stichelt sie exakt, weite Bögen lässt sie nie in Pedalnebel abtauchen.

Warfleth Du gehst nie zweimal in den gleichen Garten. Sagt der Gärtner. Du spielst in der Musik nie eine Wiederholung gleich. Sagt der Musiker. Jeder Mikrokosmos verändert sich in jedem Augenblick.

Wenn Nina Tichman die feine „Aria" in Johann Sebastian Bachs „Goldberg-Variationen" als Thema vorstellt, dann wirkt sie natürlich völlig anders bei ihrer Wiederkehr 30 Variatios, Canones und Fugettas später zum Ausklang.

70 Minuten liegen bei der Pianistin zwischen der Erscheinung der Melodie im Charakter einer Siciliana mit der für die Variationen maßgeblichen Basslinie und ihrem finalen Da Capo. Nach allen Bewegungen, Aufbrüchen, Begeisterungen, Bedenklichkeiten oder Erschütterungen, die Bach ihr zumutet, begreifen die Zuhörer in der voll besetzten Konzertkirche in Warfleth die Wiederkehr als Bilanz und Wandel eines ganzen Lebens. Folglich pulsiert bei der in Köln wirkenden Amerikanerin menschlicher Forschergeist und menschliche Wärme durch alle Herausforderungen des größten Variationswerks.

Die Pianistin weicht dafür nichts auf. Sie nimmt das Tempo durchaus zügig, nie aber gehetzt. Sie kann, siehe die verschrobene Trillervariation 28, auch mal ruppig zulangen. Die intellektuelle Klarheit schiebt sie dafür nie beiseite. Ungefähres liebt sie nicht. Auch die schnellsten Läufe stichelt sie exakt, weite Bögen lässt sie nie in Pedalnebel abtauchen.

Die Formen sind bei Tichman streng modelliert. Jede Variation baut ein heimeliges oder prunkvolles Gebäude auf, manchmal auch einen Andachtsraum. Ja, der Bau wölbt sich in der kleinen Kirche wie zu einer Kathedrale. Aber die Künstlerin stellt keine Einzelgehöfte in die Landschaft. Sie verbindet alles zu einem städtischen Kern für das Miteinanderleben.

Die im Barock üblichen Wiederholungen werden sonst nicht immer ausgeführt. Tichman eröffnet gerade mit den Da Capos individuelle Blickwinkel auf ihre Bauten, mal ins Innere, mal auf Schnörkel der Fassade, mal darüber hinaus in die Weite. Ihre filigranen Abweichungen haben Methode, sie tarieren das Große Ganze aus und erweitern es. Gerade die Formenstrenge und der Formenreichtum rahmen weite Ländereien der Gefühle ein. Nur dezent mag man sich fragen, ob zu diesem Kosmos nicht sogar etwas Irritation oder Unlogik zur Vollständigkeit gehören könnten.

Es ist ein vielfältiger Abend der Metamorphose eines großen Themas. Mit Rezitation, Lesung oder Künstlergespräch. Und mit riesigem Beifall. Ein Glück, dass einst gerade Bach als Therapeut für die berühmtesten schlechten Nächte der Musikgeschichte bestellt worden war. Die Variationen hatte 1740 der russische Gesandte Graf Keyserlinck bestellt, um seine "schlaflosen Nächte ein wenig aufzuheitern." Sagt die Anekdote.

 

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NWZ_Tichman