26 - 05 - 2018

Rakow, Reinhard und Spiekermann, Dörte (Hrsg.):

Manche schlafen ein mit der Katze.

Ein Lesebuch für die Wesermarsch

Ach-, Lach- und Sachgeschichten von und mit Tieren

Geest-Verlag 2013

ISBN 978-3-86685-444-4

ca.500 S.,  15 Euro


Cover von Reinhard Rakow
o.T., Wasserfarben auf Papier, 30 x 20 (1972)

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Titelgedicht von Marianne Pumb

Manche schlafen ein

Manche schlafen ein
mit der Katze an den Füßen
Ich schlafe mit meiner Schweinehündin
sie ist eine unruhige Schläferin
sie grunzt viel

Sie sitzt in meinem Bauchspeck
manchmal in der Brustenge
sie mag keinen Frühsport

Seit vorgestern morgen tanze ich mit ihr
nach der Musik meiner Kinder
die schon lange entflogen

Ich schwinge durch die verschlissenen Räume
vorbei an den alten Geistern
die hier noch hausen

schwebe in den Spiegel hinein
meine Schweinehündin ist eitel
sie lächelt während ich grüße

Buchtitel und Gedicht sind entnommen dem Buch „die liebe scheint wirrich"
der Berliner Lyrikerin Marianne Pumb (Geest-Verlag).

Verwendung
mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlags.

 

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Coverrückseite


Hannelore Pannek

Auf Platt sagt man so treffend dazu: „Wat den een sien Uhl, is den annern sien Nachtigall."
Ich gehöre zu denen, die die Nachtigallen mögen, und fühle mich pudelwohl. Mir gefallen die Nahkampfschafe auf dem Deich und die Dickbauchkühe auf den Weiden. Ich beobachte die Spitznasenkatzen, die Langohrmäuse und die Dünnhalsratten.  Ich höre vom nächsten Hof die Weitblickesel das I-AH schmettern und das Krähen der Kleinhuhnscharrer.  Ich störe die Großbeinspinnen nicht, wenn sie ihre zarten Netze weben und auf Tiefflieger-brumsen warten. Langeweile ist ein Fremdwort für mich – hier – zwischen Wasser, Deich und Wiesen.

Dr. Johan Altmann

Tiere zu „vermenschlichen", wie es so oft im Fernsehen und in Filmen üblich ist, kann dazu nicht der Weg sein: Hunde sind keine sprechenden Komödianten, der Teckel ist keine listige Gestalt, der Bernhardiner kein dicker Trottel und die Katze kein perfides Luder. Ebenso wenig gibt es die dumme Sau und die Kuh ist weder dusselig noch lila.
Das Wesen der Tiere zu begreifen, deren Bedürfnisse kennenzulernen und umzusetzen, nur das kann auf Dauer der Weg sein, sie als Mitgeschöpfe zu akzeptieren und zu respektieren. Das heißt nicht, dass man sie nicht nutzen oder benutzen darf.  Ausnutzen ist allerdings unakzeptabel und zu verbieten.

Ulrich Steinhoff


Der Rückbau der Taubenschläge und der Verkauf der Tauben war eine Großaktion, obwohl mehrere Freunde und Taubenzüchter ihre Unterstützung angeboten hatten. Für mich lebt diese Welt in meiner Seele weiter, und ich bin dankbar, dass ich in diesem Buch noch einmal alles durchleben durfte.

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Zur Einleitung

 „Karenin hatte die ganze Nacht lang gewinselt. Nachdem  Tomas ihn am Morgen abgetastet hatte, sagte er zu Teresa:  ‚Wir dürfen nicht länger warten.‘ Es war noch früh  am Tage, bald müssten sie beide das Haus verlassen.  Teresa betrat das Zimmer und ging auf Karenin zu. Bis  jetzt hatte er teilnahmslos dagelegen (selbst als Tomas ihn  eben untersuchte, hatte er dem keine Aufmerksamkeit  geschenkt), als er nun aber hörte, wie sich die Tür öffnete,  hob er den Kopf und sah Teresa an." So beginnt Milan  Kundera in seinem Roman über die „unerträgliche Leichtigkeit  des Seins" die Sequenz über das Sterben des Hundes  Karenin, eine Sequenz, der das Schicksal der handelnden  Menschen kunstvoll eingeschrieben ist. Einst  hatte Teresa den Hund angeschafft als Ersatz für den ewig  abwesenden, ewig untreuen Mann – ein Konstrukt, das  Kundera, ohne es plump psychologisierend auszuwalzen,  einbettet in Gedanken zu Descartes' „machina animata",  mündend in der Frage danach, ob Tiere eine Seele haben,  eine Frage, die sich mit der zitierten Sequenz (übrigens  eine der ergreifendsten Texte über Tiere, die ich kenne)  ganz von selbst beantwortet.  Schreiben, Reden, Denken über Tiere hat eine jahrtausendealte  Tradition; Höhlenzeichnung und Keilschrift, biblisches  Gleichnis, Märchen und Fabel, Dschungelbuch und  Katzenkrimi, Fotoband und Sachbuch bezeugen dies zuhauf,  dies und die Vielfalt der Arten und Weisen, mit  8  Tieren umzugehen, wie die Vielfalt, diesen Umgang zu  reflektieren und zu kommunizieren. Doch gleichwie der  Mensch sich zum Tier verhält – ob ausnutzend, ob liebevoll,  ob überhebend bis hin zur Vergötterung –: Er verhält  sich zu einem Mitgeschöpf, und selbst mit scheinbarer  Gleichgültigkeit bezieht er Position, nämlich die des Ignoranten.  Das Thema Tier, selbst wenn es einem nicht gerade  Herzenssache ist, geht jeden an, und so weiß eigentlich  jeder etwas dazu beizutragen, zu erzählen, zu schreiben.  Unter denen, die dennoch schweigen, finden sich, so  darf man vermuten, eben jene Ignoranten, für die das  Thema Tier kein Thema ist, weil sie es etwa unter purer  Nützlichkeit verbuchen, außerstande oder nicht willens,  die Verbundenheit zum Mitgeschöpf zu empfinden und  dieser Empfindung im praktischen Handeln Rechnung zu  tragen.  Der Notwendigkeit, Einsendungen zum Beispiel zur Steigerung  der Rentabilität in, sagen wir: der Käfighaltung  von Legehennen auszusortieren, war die Jury wohl deshalb  von vornherein enthoben. Es gab sie nicht. Nicht  immer leicht fiel es indes, sich von jenen Bewerbungstexten  zu trennen, deren Inhalte auf dem Grat zwischen  übersteigerter Tierliebe und Tier- wie Menschenverachtung  zu kippen drohten. Von Herzen „Gutgemeintes",  fehlendes Wissen um die Eigenheiten und Bedürfnisse des  jeweiligen Tieres, mangelnde Einsicht in Notwendigkeiten  wie etwa Kastration und Kennzeichnung oder gedankenlose,  doch unangebrachte Sparsamkeit können für Tiere  eine ähnlich verheerende Wirkung entfalten wie schnödeste  Nutzbarmachung oder Ausbeutung. Derlei wird  9  man in diesem Buch also vergebens suchen – zumal in der  Flut der Beiträge, die die Jury erreichte, der weitaus  größte Teil sich auszeichnete dadurch, dass er im Kern  Kunderas' Botschaft in sich trägt: das Wissen um die Seele  eines Tieres, den Respekt vor dem Mitgeschöpf, die Achtsamkeit  im Umgang.  Erfindungsreich dekliniert, begegnet uns Kundera in allen  Beiträgen, als Erzählung oder als Märchen, als Erinnertes,  Fiktionales oder Fantasiertes, als Bericht oder Krimi,  Aufsatz oder Gedicht. Glückliche Wesermarsch, die du  solche Schreiber hast! Schreiber, begabt mit Kreativität,  Fantasie, Empfindsamkeit, mit Engagement und Verantwortung.  Schreiber, die Auskunft erteilen über ihre Gegenwart  und über ihre Vergangenheit mit Tieren, Schreiber,  die sich in die Rolle eines Tieres hineinversetzen, die sich  anrühren lassen von dem Schicksal eines Tieres, Schreiber,  die sich für Tiere engagieren und es in Worte fassen,  um andere daran teilhaben zu lassen! Schreiber, die, in  ihrer Heimat verwurzelt, Tier und Umwelt als Einheit  begreifen und achten, Schreiber, die sich vom Thema Tier  anstiften lassen, im hohen Alter erstmals mit einem Text  an die Öffentlichkeit zu treten, und solche, die sich blutjung  dieses Themas mit aller liebevollen Ernsthaftigkeit annehmen!  Ob „Didi Dohle", Pastors Promenadenmischung  oder der „doppelte" Maulwurf, ob „Märchen, das keiner  hören wollte" oder Nixen-Fantastik, Erinnerungen an „Sankt  Mingo, den heiligen Trost-Hund einer Kindheit" oder an  den Ochsen Homer: Nachgedacht, erzählt und fabuliert  wird, dass es eine wahre Wonne ist. Umwerfend, welche  Bilder Menschen aus der Wesermarsch beim Schreiben  10  über Tiere gefunden und erfunden haben, umwerfend,  mit wie viel Sprach- und Mutterwitz, Schwung und Esprit  sie (nun, nach dem Vorgängerbuch „Wenden", schon zum  zweiten Mal) das enorme Potenzial an Sprach- und  Schreibkompetenz unter Beweis stellen, das sich in der  Wesermarsch versammelt.  Es macht einfach Spaß, dieses Buch zu lesen, sich einzulassen  auf den Wechsel der Motive und Stile, der Perspektiven  und Rhythmen. Und es macht Spaß, aus ihm vorzulesen,  denn die Sprache der Wesermarsch ist – auch und  gerade in Platt – eine klare, die sich gut verlesen lässt.  „Für mich", schreibt einer der Autoren zu seinen Erinnerungen  an eine Kindheit mit Tieren, „lebt diese Welt in  meiner Seele weiter, und ich bin dankbar, dass ich in diesem  Buch noch einmal alles durchleben durfte."  Aus „Wenden", dem ersten „Lesebuch für die Wesermarsch",  fanden und finden über inzwischen fünf Auflagen  hinweg im Freundeskreis privat organisierte „Kaffeelesungen"  statt, nach deren Ende man zu Kaffee und Kuchen  gerne „schnackt und klönt", um das Gehörte noch einmal  miteinander zu durchleben. Darauf, dass auch dieses Buch  wieder viele Menschen als Leser, Hörer und Miteinanderins-  Gespräch-Kommende zusammenführe, dürfen sich, so  spannend, so lehrreich und so einfühlsam wie es geworden  ist, alle Beteiligten freuen.


Reinhard Rakow