20 - 02 - 2018

untertan - texte zur zeit
Anthologie zu den Fünften Berner Bücherwochen
Herausgegeben von Reinhard Rakow
Coverbild  Skrypzak & Skrzypczak
Geest-Verlag 2015
ISBN 978-3-86685-528-1
ca. 570 S., 16 Euro

Zufrieden?

 

Zufrieden mit dem Buch?

Naja. Man hat ja so seine Erwartungen. Und die sind vorgeprägt. Heinrich M die künftigen Jahrzehnte vorwegnehmend: Der, der zackig die Hacken zusammenschlägt, stramm steht und tut, wie ihm geheißen. Der, der nicht hinterfragt, was die oben ihm vorsetzen, sondern funktioniert. Der, wenn er mal Zweifel hat, trotzdem gehorcht: Jawoll! Was aber macht den Untertan 2015? Adolf ist tot und der Kaiser noch länger, und mit dem Militärischen haben wirs auch nicht mehr so. Einerseits. Andererseits erweist sich dem, der meint, am Lack der politischen Korrektheit des Mainstreams kratzen zu müssen, die Geisteshaltung des Diederich Heßling als höchst virulent. Er erblickt sie in der achselzuckenden Hinnahme von Tausenden von Milliarden schweren Militäreinsätzen im Ausland, im nonchalanten Akzeptieren einer von Waffenverkäufen gespeisten Exportweltmeisterschaft, im zynischen Einpreisen der zuverlässig tödlichen Wirkung der Mausefalle Mittelmeer als Mittel von Außen- und Wirtschaftspolitik. im tumben Alles-Treiben-Lassen in den Reihen der sogenannt „schweigenden Mehrheit“ der Nichtwähler, Nichtsbeweger und Nicht-Zu-Bewegender, einer Mehrheit, die ihm eine Gemeinschaft von Heßlingen ist, unfähig, sich zu empören, sich zu erheben, unwillens, sich jenen oben zu widersetzen, die Schindluder treiben mit ihrem Mandat, das Wohl des Volkes zu mehren, indem sie Profite mehren statt Mitmenschlichkeit. Er erblickt sie im Weggucken, wo es inhuman wird, und im Wegducken, wo Engagement vonnöten wird. Er entlarvt sie im abgestumpften Ausblenden von allem, was anrührt, er erkennt sie bei den Anhängern der angeblichen Alternativlosigkeiten (nicht weniger als bei den Dumpfbacken von Pegida & Co), er wähnt sie bei den coolen Hipstern, die zufrieden sind, wenn nur die neueste App auf ihrer neuesten I-Watch ordentlich läuft. Er findet sie in der Zufriedenheit. In jener bräsigen Zufriedenheit, die im Angesicht des täglich neuen Unerträglichen, das schreien machen sollte, aufwühlen, empören und erheben Tag um Tag, nichts anderes ist als Gewährenlassen, als Untertänigkeit durch Unterlassung.

Vielleicht war das zu kurz gesprungen, dieses Politische und immer wieder Politische. Schließlich sind wir nicht mehr in den Siebzigern, als alles und jedes mantrahaft mindestens zwei Seiten hatte, Dialektik pp. Wer heute, wer mit 60 noch links ist, haha, hatte nie guten Sex und hat aktuell einen an der Waffel. Wie bitte war das: Zufriedenheit gleich Sich-in-die-Verhältnisse-schicken gleich Untertänigkeit? Ah ja, der gute alte Neid-Reflex. Ah ja, die überkommenen Denkmuster. Was hattest du denn erwartet? Ausschreibungen sind Zeitseismografen. Sie zeigen, wo dem Schreiber der Schuh drückt: an seinem Fuß, in seiner Ehe, in seinem Krankenbett, im Schönheitssalon. Was in seiner vermeintlichen/ vorgeblichen Politikferne schon wieder politisch ist, klar, Rosa Luxemburg lässt grüßen (Geest auch). (Dass die individualistische Schau in den eigenen Nabel, massenhaft betrieben, in Uniformität umschlägt, und dass Uniformität Untertanen gebiert, nur mal eben am Rande.) Was natürlich, andererseits, einer Komplexität der Empfindung geschuldet ist, die sich jedem Versuch einer präsumtiven Kategoriserung entzieht. Das ist ja das Spannende, oder? Denn, nicht wahr, die Welt ist doch so bunt und so vielfältig das Leben. Jedenfalls schön, dass so viele andere Beiträge eingegangen sind: über die Untertänigkeit der Mode gegenüber, dem Alter und den Falten, den Trieben, der Krankheit und der Existenz im allgemeinen und im besonderen. Wie schön, sagt der/ die JurorIn, endlich mal was anderes als dieses ständige Geschwurbele zu Politik und Gesellschaft. (Das zugegebenermaßen in seiner Theoriegeneigtheit schon ein wenig fleischarm … Beim zehnten knochentrockenen Traktat kann die Lust am Lesen doch spürbar schwinden.)

Dabei: Also: Breit aufgestellt waren wir schon. Will sagen: Um das Thema zu verfehlen, musste man einige Klafter weit danebenschreiben. Was andererseits nicht wenigen locker gelungen ist. Dann aber, immerhin, lesen wir von Untertanen im Sozialamt, im Betrieb, beim Bund. In der Familie, im Altenheim. In der Beziehung. Unvermutet entfalten sich Assoziationen, die frappieren. Auf die man selbst nie gekommen wäre. Und im Entlegenen und im mutmaßlich Vertrauten funkelt mit einem Mal prächtig Erzähltes auf. Brillieren geistreiche Traktate und süffige Sotissen. Laden Gedichte ein als willkommene Haltebuchten, Inseln des Innehaltens, abstrakt, enigmatisch.

Am besten wohl, wir lassen das treiben. Am besten wir lassen uns treiben in dieser Springflut aus Texten, Gedanken, Gefühlen, politisch oder nicht. Und nehmen im Treiben plötzlich staunend wahr, wie, gleichsam „in Zeitlupe“, das Reiben an Regeln, denen der Teilnehmer als Teilnehmer doch gefälligst untertan sein sollte, sich mit einem Mal gegen uns selbst wendet. Was alles andere als alternativlos ist. Sondern fast schon Dialektik.

Insofern: Zufrieden?

Naja. Zufrieden bist du nie.

 

Reinhard Rakow