21 - 08 - 2019

Bild des Monats

Der Abend

Reinhard Rakow

Wälze, schweres Bärenwesen, träge
Deinen feisten Dunkelwanst zur Seite,
Wo die Nacht wohnt; kriech in fetter Breite
Über Höfe, unter Erker, in Verschläge,

Schlürfe gierig ihre Tinte, saug dich voll
Mit Schweigen, Flüstern, unerhörten Giften —
Und vergieß´ sie wieder... — Später driften
In der Brühe kleine Kinder und ein Troll,

Auf dem Rücken, Augen weiß und weit geschlossen,
Über sich herbsüße Phlegmen trunk´ner Bläue,
Leerer Träume, müder Zweifel, falscher Reue...

Dann schwallt Schwärze an, von Ewigkeit umflossen.
Du, Bärentier, wirst eins mit ihren Fluten,
Wir retten uns in Betten und Kanuten. 

Bild (ohne Titel):

Reinhard Rakow (2009)

Öl auf Leinwand,  50 x 70

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Grimmelshausen


Voll Zorn
Sind die Lieder, verworfen das Denken,
Ungestüm
Trommelschläge bei Nacht. Auf roten Gründen
Cellophanlaken, die knistern wie Brand
Unter den Stiefeln; unter dem
Blitze geboren wurd´st du, durch den Stromschlag
Verstaubter Erkenntnis, der, die sich öffnet im
Fließen der Worte, dem Spiegel der Zunge, gesprochen, gestammelt,
Wer hat sie, wo sie erlischt, zugeschissen, oder
In gleißender Helle, wenn sie
Zusammenfällt dereinst in sich, dem falschem Licht gleich,
Das Dörfer brandschatzt, so
Wurd´st du, sagt´ ich, in die Welt geworfen,
Gesammelt, von ihr aufgelesen,
Gefressen, gespien in
Ihre Paläste mit rauchschwarzen Wänden,
Vierbeinigen Dienern, Vasallen,
Gesocks, höfischem
Tand auch -
Und Witz,
Vor allem: der Witz. Und deine Spottlust
Die Lust an den Worten, dem Fabulieren
Über den Oheim, oberbefehlend die
Esel und Ziegen, über Soldaten,
Uniformträger, vom hohlen Baum aus das Meckern
Geschenkt des Chamäleons, das gut bekannt
Ist mit Kriegswerk und Wirtschaft
Und Ketten, die klirren,
Ketten aus Stahl, aus Worten, die knistern
Wie Rosenblutblätter, Cellophan ähnlich,
Simpel
Und einfach,
Einfacher alles, dir, dem Chamäleon,
Derart zu tarnen, was dich umgibt, die Welt aus den Fugen
Hier wankt ihren Lügen, dem Glauben des Ungeists entgegen, zu tarnen,
Zu narren das Leuchten der Häme, einfacher noch
Mit spitzer Feder den Spiegel, einfachster
Schreiber, Christoffel, du.

Der Tag begann mit einem Schlag. Schlag Null Uhr Nullnull, exakt mit Ablauf der eingestellten Zeit, triggerte der Schaltkreis den zur Funkenbildung benötigten Strom zum Zünder, Zündschnur und Sprengkapsel entflammten und setzten so den mörderischen Lauf zerstörerischer Gewalt unumkehrbar in Gang; die in einem fünfzig Kilogramm schweren Klumpen Sprengstoff aus Diethylenglykoldinitrat und Ammoniumnitrat gespeicherte Energie, mit Celluloseverschnitt und Kollodiumwolle gelatiniert, entlud sich in einem einzigen scharfen hellen Blitz, und ein gewaltiger Knall kündete vom Zerfetzen der innersten Strukturen auch benachbarter Materie: der Kunststoffe, aus denen der umbergende Koffer gefügt war, von Zellulose, Lignon und Metallverbindungen des Tisches, auf dem der Koffer gestanden, der Stähle, Steine und Erden des armierten Betonbodens nebst Fliesenlage, auf dem der Tisch seinen Platz gehabt hatte; noch während die Polymerolketten dissoziierten, Kristallketten rissen, Moleküle fraternisierten, Holz verdampfte, Metall schmolz, bog oder splitterte, Glas pulverisierte, Flüssigkeit zischend zu Dampf sich auflöste, riss die Wucht der Explosion ein riesiges Loch in den Boden und die angrenzende Wände des sechsten, mittleren, Geschosses des betroffnen Gebäudes, einen Krater, dessen Rand rasend schnell schwand, wegbrach, nachgab, Raum griff und schluckte, den Rest des Bodens und der bereits beschädigten Wände, fast zeitgleich aber auch die übrigen Wände, Pfosten und Säulen ansaugte, um sie mit lohgierigem Schlund zu verschlingen, und während die Schwärze des Kraters all dies und was sonst darauf und daran und darin sich befand, im wilden Strudel der Schwerkraft, ihre Macht unbändig potenzierend, mit in die Tiefe riss, illuminierte, infizierte der Detonationsblitz mit elektrischem Strom alles nicht Feuerfeste, Vertäfelungen, Dämmstoffe, Türen, Schränke, Tische, Anrichten, Regale, Bänke und Stühle, Stützen, Streben und Pfeiler, Balken, Latten, Leitungen, Rohre, Kabel, die in Kurzschlüssen zusammenbuken, Gas führende, das also austrat, sich mit den schwarzen Schwaden des Ausgangsbrandes vermischte, verdichtete, verballte, als orgastischer Klump schließlich neu explodierte in fulminantem Finale, das erst die oberen Geschosse zum Einsturz brachte, dann, unter deren Last und der der aufzuckenden Folgeschläge, auch die unteren rasch und unbarmherzig in die Knie zwang.

Keine Sekunde später, noch bevor die Digitalanzeigen der Atomuhren auf Null:Null:Null:Eins umgesprungen waren, unterbrachen LebensWer†-Radio und -TV, die Online-Dienste der NZ, wie auch die Sender der lizenznehmenden Stationen und Blätter ihre Programme mit der Meldung von einem christianistischen Bombenanschlag auf ein LebensWer†-Rechenzentrum in der Innenstadt, das Gebäude und mehrere angrenzende Häuser seien dem Erdboden gleich gemacht, weitere Gebäude in der Nachbarschaft vom Einsturz bedroht, Opferzahlen noch nicht zu überblicken, Mutmaßungen über Verantwortlichkeiten noch verfrüht, wiewohl die Suche nach den Tätern bereits auf Hochtouren laufe, jaulten Sirenen, erschollen Alarmsignale, röchelten, dröhnten, ratterten Motore schwerer Fahrzeuge, quietschten Reifen, zersägten Panzerketten die Schwärze, bellten Befehle, barsten Türen, Mauern, Zäune unter Getöse, knallten Schüsse da und hier, vereinzelt erst, dann in Serie, bald vielfach sich überlagernd, beantwortet zunehmend vom atemlos heiseren Belfern automatischer Waffen, krachten Granaten, gellten schrill Schreie, schlugen Scheinwerfer lodernd Suchschneisen tief in die Nacht, glommen Brandherde, war die Stadt mit einem Schlag taghell und überwach.

Die Angehörigen der Innen-, Sicherheits- und Reinigungsdienste, Leitende, Selbstständige, Dienstleistende, die niederen Grade bis hinunter zu den provisorisch lizenzierten Hilfsschützen, angelernten Halbwilden, waren von LebensWer† bereits Stunden zuvor in Bereitschaft versetzt worden. Sie taten mit im Getümmel wie befohlen. Kaum dass das Echo des Knalls der letzten Explosion nur schwach noch zu vernehmen war, überzogen sie vom Zentrum aus die gesamte Stadt mit wachsenden Ringen martialischer Waffen Gewalt, besetzten Straßenzug um Straßenzug, sicherten strategisch bedeutsame Punkte, zielten auf alles, was sich bewegte und seine Harmlosigkeit nicht ansatz- und zweifelsfrei nachweisen konnte, verschufen sich Zugang, wo keiner offen sich anbot, warfen Rauchbomben durch eingeschlagene Fenster, heimsuchten mit Feuer und Öl verdächtige Wagen, Zelte und Häuser, um nieder zu machen, was floh, draußen lauerten sie mit geschliffnen Macheten. Und schon Tage, Wochen, Monde zuvor hatte LebensWer† nach und nach die angeblichen Gegner in Marsch gesetzt: Führer vitalistischer und christianistischer Verbindungen, denen bei üppiger Entlohnung zugedacht war, die Ihren anzustacheln, sich zu erheben gegen das Regime der Neuen Zeit, seine Institutionen und deren verhasste Vertreter, Angehörige autonomer Gruppen, denen quasi über Nacht gewaltige Arsenale durchschlagskräftiger Waffen zuwuchsen, Kinder aus gewaltbereiten Banden, versorgt nicht nur mit Waffen und Geld, sondern überdies mit hart Alkoholischem und schärferen Drogen; eben sie, rekrutiert aus den wachsenden Scharen vertragloser Wildleben wie aus lizenzierten Jungarbeitern in Pleite gefallener Firmen gleichermaßen, waren unwissend dazu ausersehen, als Speerspitze zu dienen im aussichtslosen Scheinkampf gegen LebensWer†s Herrschaft, Kanonenfutter zur Sättigung der Übermacht, den Mächt´gen zum Ruhme wie stets, dem Mann auf der Straße zur Drohkulisse, und so brachen, als die Sicherheitsdienste sich fürs Erste ausgetobt hatten und Schlafes Ruhe Anstalten machte, zurückkehren zu wollen in die Mitte der Stadt, konkret: um kurz nach halb zwei, genau wie verabredet, fünfunddreißig zugedröhnte Kinder im Alter zwischen zehn und vierzehn Jahren, männlich wie weiblich, bewaffnet bis an die Zähne und zu allem bereit, die Gesichter mit Ruß unkenntlich verschmiert, eingehüllt in lang schwarze Gewänder, mönchskuttenähnlich, den Kennzeichen der "KinderKampfKohorte Christi Jesu", brach dieser elende Kreuzzug also auf von seinem Versteck in der mittleren Peripherie gen Richtung innere Stadt, blieb seltsam unbehelligt, erreichte gegen vier, die Nacht hatte schon merklich an Dichte verloren, Planquadrat H11, verteilte sich auf der Brücke.

Im Hauptamt, Abteilung Aufklärung, beobachtet man die Besetzung an den Bildschirmen mit erhoffter Zufriedenheit. Die Kleinen gelten als biegsam, gefügig und als für jeden Spaß zu haben, sie machen alles mit, ohne zu fragen, ohne zu nörgeln; ordentlich instruiert, durch passende Drogen benebelt, hatte die Gruppe bereits bei der letzten Stadtreinigung bewiesen, als hochtourige Tötungsmaschine bestens geeignet zu sein; im fortwährenden Rausch vermeintlicher Allmacht waren Skrupel nicht zu befürchten, käme keiner ihrer Mitglieder auf die Idee, den neuen Einsatz womöglich selbst nicht zu überleben. Ihre eigentliche Aufgabe bestand darin, nützliche Nadelstiche zu setzen; für ein paar letzte enthemmte Stunden durften sie, dosierten Schrecken verbreitend, marodierend über die Stränge schlagen und dadurch mitstricken an dem Vorhang, vor dem LebensWer† die Sicherheitsdienste als legitime Bewahrer von Ordnung und Recht in Szene zu setzen vorsah, effektvoll von Kameras beglaubigt, in gnadenloser Anwendung vielfach überlegner Gewalt, die Demut der Massen zu mehren. Mit Anbruch des Tages, bei hinreichendem Licht, wenn die ersten Arbeiterscharen auf dem Weg in die Betriebe aus beiden Richtungen über die Brücke strömten, würde die Kohorte ihr christianistisches Schlachtwerk beginnen. MG-Salven würden Arbeiter-Körper durchsieben, Machetenhiebe Angestellten-Bäuche zerhacken oder Köpfe rollen lassen, Blut würde sprudeln wie aus Brauseköpfen, das Loch der Nacht gefüllt mit einem einzigen viehischen Schrei des Finales und seinem Gestank aus Blut, Fleisch und Brand; wenn die vermeintlichen Sieger auch den letzten Verfolgten auf mannshohen Stahlspitz gerammt, ihn nach unten gedrückt, gehauen, gezwungen, gepfählt, wenn sie anderen die Kleider vom Leibe gerissen, sie nackt um LKW-Reifen gebunden, alles mit Benzin übergossen, es angesteckt hätten, wenn sie nach dem wievielten Joint damit begännen, mit den Schädeln der Enthaupteten Fußball zu spielen, wenn der Rausch des Tötens seinem Höhepunkt gewaltig zustrebte, dann, genau dann, würden Hubschrauber am Himmel aufziehen und Schwarze Schwadronen ausspucken, die Engel der Rettung mit dem Enblem der Macht am Revers, und dann, welch erschlagend prächtiges, Unterwerfung gebietendes Bild für eine Live-Übertragung!, dann würden die Hubschrauber in der Luft stehen und darunter machten LebensWer†s Schwarze Engel den lang schon beschlossen kurzen Prozess. — Läuft alles nach Plan, meint der eine beim Blick auf die Schirme und nippt am Kaffee, Prima. Warum auch nicht, entgegnet der andere, Ne ordentliche Vorbereitung ist die halbe Miete. Und du? Daran gedacht, unsere Leute in H11 zu warnen? Keine Frage, antwortet der Erste, Nur Ponz war nicht zu erreichen, geht nicht ans Telefon. Dann schick ihm ne SMS.

*

Der Tag, von dessen End an Peeh noch ein letzter bleiben sollte, begann anders als von ihm erwartet. Kopfschmerzen weckten ihn und die dumpfe Schwüle des Frühtags. Er schlug die Augen auf und fand sich nicht zurecht. Eine niedrige Zimmerdecke. Vergilbte Tapete, oben ein greller Lichtstrahl, von feinen Stäuben durchtanzt. Schloss die Augen wieder, lauschte. In sich Pochen. Außerhalb Straßengeräusche von irgendwoher. Gedämpftes Rauschen, Hupen. Sirenenkaskaden aus unbestimmbarer Höhe. Rauschen. Lauschte, fühlte. Keine Kraft. Kaum noch Leben in sich. Erschöpfung, angedickt mit stickiger Wärme. Stickiger Wärme, die ihn überzog wie in Lagen festgebackener Taubendreck. Befühlte den Boden. Befühlte den Boden nach Dreck. Fühlte: Über, neben ihm Decken, eine Matratze unter ihm. Er nahm Witterung auf. Ungewohnte Aromen, eine Mischung aus künstlichem Kaffee, billiger Seife und chemischer Desinfektion. Und über allem schwach jener Geruch, der ihn in den Schlaf begleitet hatte: der Duft von Apfelshampoo, der Duft von Bravas beflaumtem Kahlschädel.

Etwas hatte seinen Schlaf zerstört heute nacht, die Hitze vielleicht..., die Sirenen, sein eingeschlafener Arm... die fremde Umgebung... Er war hochgeschreckt, hatte sich aufgerichtet, sich auf einer Liege entortet gefunden, unbequem in voller Montur, unter Decken anscheinend zunächst, die er von sich gestrampelt haben musste, im Zimmer Licht, der Schein einer Funzel, einer Art Notleuchte, nicht heller als der einer Kerze, von der Wand gegenüber, Brava darin als amorpher Klumpen Dunkel, am Tisch weich verballt. Was tust du? Ich seh dir zu. Du gefällst mir. Wie kommst du...? Wie komme ich hierher, ich meine: Warum... Ich seh dir beim Schlafen zu und seh, wie schlecht du träumst und wie schlecht es dir geht. Du bist mitten im Satz eingeschlafen, Peeh. Vorhin war dir eiskalt, du hattest Schüttelfrost, deshalb die Decken, zum Einmummeln, ich habe dich angeguckt und darauf gewartet, dass du irgendwann von selbst wach wirst, damit ich die restlichen Decken... Er war aufgestanden, sie hatte darauf bestanden, dass er sich duschte, das Wasser war trüber und kälter als in seiner Wohnheinheit, trotz der Sommerwärme hatte er gefroren und sich wieder angezogen, sie hatte seine Wunden versorgt, ihm Tabletten gegeben, ein Mahl bereitet, Brot, ein undefinierbarer Aufstrich, ein Plastikbehälter Tee, und darauf geachtet, dass er alles verzehrte und fünf Tassen von diesem Tee trank, einem heißen, viel zu süßen Gesöff, dessen Geschmack ihn sehr entfernt an etwas aus Kindheitstagen erinnerte, das er nicht fand, sie hatten gemeinsam den Tisch beiseite gestellt, ein Doppelbett aufgeschlagen auf dem kahlen Fußboden, sie hatte ihm, Widerspruch nicht duldend, befohlen, die hintere Hälfte, die mit den Matratzen, zu benutzen, sie hatte das Licht ausgeschaltet, den Platz neben ihm eingenommen, sie hatten beide lange auf dem Rücken gelegen und lange auf den Atem des anderen gehört, in den Geräuschen dieser fiebrigen Nacht von Bernstein umgeben versunken, ihre Hände hatten sich unter den Decken gesucht und gefunden, sie hatten sich nur leicht berührt und doch die pulsende Wärme und Güte des andern gespürt, als wären sie intim und umschlungen. Der Bernstein schmolz zu güldenem Strom, zwei Bäche, die einander fanden, eins wurden, ohne zu einem zu werden, Friedvolles, Vertrauen, das der Welt die Stirn bot, Sag mal, was du denkst, hatte sie geflüstert, Ist das dein Ernst, er entgegnet, und als sie dabei geblieben war, und als er vergebens Ausflüchte bemüht hatte, und als er bemerkt hatte, dass alles nichts half, hatte er sich ergeben und waren die Dämme gebrochen und er hatte geredet, geredet, geredet und geredet, davon, wie kraftlos er sich fühle, wie wenig Leben noch in ihm sei, welche Diagnose Lin ihm eröffnet habe, wie dringend, wie teuer die Operation komme, was es mit Ponz und Wolf und Schubert auf sich habe, Schubert, den er liebe und verraten müsse, verraten habe, Wolf, den er hasse und bemitleide zugleich, Ponz, von dem er abhänge, der ihn anekle indes, was er unternommen habe bisher, wie fruchtlos alles verlaufen sei, dass es ihm nicht gelingen wolle, einen Nenner zu finden, der alles vereine in sich, wie gering seine Chancen wären, wie alles angefangen habe, damals in den Flechten, Matti, die Nordlichter, diese verrückte Mutprobe, am falschen Ort zur falschen Zeit, oder noch weiter zurück, die Uni, die Kinder, Vera, ja, auch das solle sie wissen, Vera hätte ihm, als sie sich kennenlernten, aus Ton ein Paar geknetet, das sich umarmte, ein größerer Mann, ein kleineres Frauchen, ein Ebenbild ihrer, aus einer ungebrannten Knetmasse, wie sie im Kindergarten verwendet worden wäre, er hätte es damals nicht beachtet wie er so vieles nicht beachtet hätte, nach der Rückholaktion, bei Einzug in seine Wohneinheit wäre es zerbrochen, und das hätte ihn zu Tränen gerührt, warum er das erzähle, er wisse es auch nicht, er hatte geschwiegen, geschwiegen, geschnieft, dann geweint, geheult und sich dann dafür entschuldigt, dass sie ihn an Vera erinnere, und sich dafür entschuldigt, dass er sich in sie verliebt habe, und sich dafür entschuldigt, dass er sie behellige und in so etwas hineinziehe, und dass er ihr danke und dass er nicht wisse, ob und wie er ihr jemals gut machen könne, was sie für ihn getan habe, und sie hatte einfach gesagt, Ist schon gut, und: Du bist ein Kind, Peeh, und: Dass sie Erspartes auf ihrem Konto habe, und sie nicht unwichtig sei in ihrem Betrieb, weil ihr schon wiederholt Erfindungen zugeflogen seien, und ihr würde bestimmt noch was einfallen, und dass sie einen kenne, der sich mit Typen wie Ponz auskenne, und dass ihre direkte Vorgesetzte Aktien von einer Klinik besitze, die mit LebensWer† kooperiere, und dass es da schon Möglichkeiten geben werde, bei all den Querverbindungen und all den Beziehungen, und dass nichts so heiß gegessen werde wie gekocht, und wo ein Wille sei, sei auch ein Weg, und dass er sich mal keine Sorgen machen solle, und dass sie ihn gewiss nicht einfach so gehen lassen werde, und dass er ihr wichtiger sei als jede Musik, er also die Anlage und Schubert ruhig weggeben könne, das werde er schon überstehen, denn was nicht umbringe, das mache nur stark, und dass er sich mal keine Sorgen machen solle, so schnell sterbe es sich schon nicht, und dass sie ihn gewiss nicht einfach so, und wie froh sie sei, ihn getroffen zu, und

Und dann waren die Pausen länger geworden und die Schläfrigkeit mächtiger und die Wärme schmeichelnder und sie hatten sich auf die Seite gedreht und sie hatte sich, Häschen in der Grube, in die Löffelkuhle geschmiegt, die er ihr bereitete, eng an ihn geschmiegt, Hemd, Slip, Wärme und der Duft von Apfelshampoo.

Kopfschmerzen weckten ihn, die dumpfe Schwüle des Vormittags und dann, gerade, als er sich wieder zur Seite rollen wollte, das Schrillen des Weckers, der auf dem Tisch stand und ihm anzeigte: halb Zehn. Es war noch Zeit genug. Ohne Hast erfrischte er sich, verzehrte, was vorbereitet, einkleidete sich, beordnete Bettzeug, wusch das Geschirr, räumte es weg, suchte seine Sachen zusammen, Jacke, Autoschlüssel, Medikamente, von Brava zu einer Wellenlinie auf dem Tisch angeordnet, die unförmige Tüte mit den CDs und dem Abspielgerät. Er hatte sich, mit den Gedanken schon auf H11, zum Gehen gewandt, als ihm von der Tür aus das Eselsohr eines Zettels auffiel, eines Zettelchens, kaum größer als die Standfläche des Weckers, der es beschwerte, ebenso weiß wie die Plastiktischdecke, die unter ihm lag. "Pass auf dich auf", las er, "Ich küsse dich. Brava". Sorgfältig faltete er das Papier zusammen, verwahrte es in der Brusttasche seines Hemdes, links. Wie er die Tür von außen zuzog, behutsam, als gelte es, keinen zu wecken, war Brava in seinem Kopf, nicht die Brücke, nicht Ponz, und er summte Schubert.


aus dem Manuskript zu "LebensWert"

Sonnenklirren. Novelle


Reinhard Rakow (Autor)

Mit einem Nachwort von Jürgen Thöming
Geest-Verlag 2010

ISBN 978-3-86685-251-8, 

190 S., 11 Euro

Cover: Reinhard Rakow

 

Eine Single-Karrierefrau vor der Lebenswende, gescheitert bei dem Versuch, sich einem jungen Mann zuzuwenden, empfängt ein Kind, um der gefürchteten Vereinsamung zu entgehen. Doch das Kind, das sie zur Welt bringt, nimmt sie nicht wahr, denn es ist geistig behindert. Reinhard Rakows Novelle “Sonnenklirren” zeichnet den Konflikt der Frau und dessen Entstehung einfühlsam, respektvoll und doch mit sezierender psychologischer Schärfe aus ihrer Sicht: ihr Bemühen, alles zu steuern, entsteht aus der Situation der Isolation heraus, vollzieht sich in ihr und mündet — wahrscheinlich, das Ende bleibt offen — wieder in ihr.

“Der Sommer, überaltert, war gegangen”: Die Bilder des ersten Kapitels spiegeln die folgende Handlung wider und bereiten ihr zugleich das Tableau. “Es ist still”, dieser Satz, der das erste Kapitel beschließt und zum letzten überleitet, wird das zentrale Thema sein. Eingebettet in einen Sog üppiger Sprache und eindringlicher Bilder, besticht die Erzählung auch durch ihre stringente Komposition.

Der Dresdner Literaturwissenschaftler Jürgen Thöming, Begründer und langjähriger Leiter des Musil-Forums, schreibt in seinem Nachwort: “Hälfte des Lebens“, und was dann? Im Winde klirren nämlich die Fahnen. Nichts Geringeres wird in diesem sprachmächtigen und musikverliebten Kurzroman verhandelt. (…) Dabei hat das Liebesbegehren der ‚Heldin’ bei einem viel jüngeren Mann keinerlei Chancen. Sie erregt unser Mitleid. Sie ist liebesunfähig, möchte aber gleichwohl ein Kind: Einsamkeitsschutz für die zweite Hälfte des Lebens. Sie gebiert ein Einbahnstraßenkind und zieht uns – gegen unseren festen Willen – in ihre Mordgelüste hinein. Die Geschichte aus dem Alltag einer Bildungselite, rasant und sprachintensiv, hart zupackend und zart poetisch erzählt, zugleich raffiniert komponiert, hebt immer wieder ab in parabolische Sphären, wie zuletzt Albert Camus vor 50 Jahren so etwas gekonnt hat.”

"Beginnend mit den Impressionen eines vergehenden Sommers, erzählt das Buch von einer Frau – einer typischen Vertreterin des Bildungsbürgertums in mittleren Jahren –, die in der Erfüllung ihres Kinderwunsches einen Ausweg aus ihrer emotionalen Starre sieht. Ein Brief an die tote Freundin bildet den zentralen Punkt der szenischen Lesung. Doch nähern sich, untermalt von dumpfen Tönen, die Vorboten einer bangen Vorahnung: Die Stille in ihrem Körper, gepaart mit Bildern von deformierten, mutierten Kartoffelkäferlarven kündet die Zerstörung ihrer Träume an. Das Baby kommt mit einer geistigen Behinderung auf die Welt, das erwartete Geschenk wird zu einer untragbaren Bürde. Bald ist das Wunschkind für die überforderte Mutter nur noch ein Ding, das schreit, sich einnässt und übel riecht, gleich einem Kuhfladen, auf dem sich die Fliegen niederlassen. Der (...) konfrontiert seine Zuhörer mit einer Figur, die in ihrer absoluten, unverhohlenen Ablehnung nur schwer zu ertragen ist. Und doch kann man nicht anders, als ihr zu wünschen, sie möge doch noch ihre Liebe finden, während sie in ihrer einsamen Zweisamkeit auf eine unvermeidliche Katastrophe zuzusteuern scheint. Das ist in der Tat das Herausfordernde, auf das Verleger Alfred Büngen in seiner Einleitung hingewiesen hat." (Nordwest-Zeitung)

 

man/frau/ich war nicht nur niedergeschlagen, erschüttert bei der lektüre deines buches, sondern teilweise auch beglückt. ich wünsche dir, dass viele menschen dieses buch lesen – es ist eine große gesellschaftskritik darin, eine anfrage an das leben, wie wir leben werten, bewerten, wie wir miteinander, aneinander vorbei leben .... (Marianne Pumb)


Auszüge:

1.

Der Sommer, überaltert, war gegangen. Lange Zeit hatte es den Anschein gehabt, er sei unbesiegbar, unfähig zu altern. Einem schwül verregneten Juli war ein August brütender Hitze gefolgt: Ein überheißes Licht stand zitternd auf dem Asphalt zwischen den Städten; durch keinen Wind bewegt, lastete es auf den Häusern, sie auszuglühen und den Ziegeln die Farbe herauszubrennen, wie das Feuer eines Krematoriumsofens es den Zellen einer Leiche antut, gewalttätig, mit der Wucht einer Riesenfaust, die, weil der schlug, sie zurückzuziehen vergaß, nicht enden will, bis tief in die Nacht hinein, die also keine mehr war vor lauter Hitze und Licht, und selbst die Schatten, die sich in günstigen Winkeln zu halten verstanden, waren keine Schatten mehr, sondern, in nahezu unverminderter Temperatur lodernd und in gleicher Weise stumm in sich vibrierend, nichts als andersnamiges Licht.

Vielleicht war es dieses Übermaß an Licht und mit ihm die Auflösung der Schatten, was sich ihr – anders als jenen, die von einem Jahrhundertsommer schwatzten und dazu sammelwütig Daten aller möglichen Rekorde auflisteten – als Stigma dieses Sommers einprägen sollte: Die Beharrlichkeit seiner Farben und Melodien bis in den Winter hinein, das Andauern seiner Klänge, beherrscht von einem sinnlich wabernden Tremolo, prall vor Obertönen, elegisch, schwülstig, brünftig und geil, in Szene gesetzt von einem üppig ausgestatteten Orchester mit vierundzwanzig ersten Geigen oder mehr, in Dumpfheit zupackend wie ein schwerer nasser Mann, der auf einem liegt und lasten bleibt, dass man ihn nicht abschütteln und sich unter ihm nicht mehr regen kann, fiebrig in Besitz genommen, ergriffen und gelähmt; diese bleierne Allgegenwart eines narkotischen Dunkels, gefüllt mit raumgreifenden Akkorden, die, wild geformt aus dem Knisterleis unnütz verdörrender Halme, die unter der Last der Ähren sich beugen und brechen, eins wurden mit dem Geruch am Strauche süßlich faulender Früchte oder dem an- und abschwellenden Brummen von Schmeißfliegen, die den verwesenden Körper eines Vogels umzingeln.

Es waren diese Akkorde, die, nicht enden wollend, den August bestimmt hatten und den September, und die Farben waren den Klängen gefolgt. Anfangs hatte sich ein dunkles Grün, überreif und mächtig wie die Brüste einer Frau, die schwanger ging über die Zeit, auf das Land gelegt, heiß, verschwitzt, in solch schamloser Fleischlichkeit, dass man sich darunter duckte und klein machte in der Hoffnung, am Boden ließe sich noch unverbrauchte Luft finden. Man war auf harte spitze Gräser gestoßen da unten, von finsterer Farbe, doch wuchernd, und auf ihnen und in ihrem Schatten: Insekten, die sich paarten, Käfer, Wespen, Motten, Fliegen jeglicher Größe und Gestalt, die aufeinanderhockten, Kartoffelkäfer, die ihre Hinterleiber teilnahms- und ansatzlos verschmolzen, Hautflügler, fast durchsichtig, deren Legeröhren und Stacheln vereint im Gleichtakt pulsierten, Libellen, Räder bildend, in denen das Männchen mit dem spitzen Ende seines Leibes das Weibchen festhielt hinter dem Kopf mit den großen Augen, beide erschöpft von der Hitze, dem Mangel an Luft, dem Zwang der Lage, doch nicht imstande, ihr zu entfliehen und in dieser Not eins mit den Artgenossen, eins mit dem Sommer – zuckend, ein Ende nicht findend. Wer genauer hinsah und länger, nahm wahr, wie sich allmählich ein feiner Staub Ocker, mag sein auch: aus rotem Lehm, auf die Spitzen der Gräser legte, auf die kopulierenden Insekten, auf ihre Leichen, die in zunehmenden Schichten den Boden unter den Pflanzen bedeckten, wie er die dampfende Haut des Horizonts mit feinem Puder überzog, dass die Schweißtropfen, die auf ihr perlten, in unregelmäßigem Zickzack Spuren hinterließen von oben nach unten. Und wer mit der Zungenspitze die Lippen benetzte, damit sie nicht zu spröde wurden, fand, dass der feine Staub vergoren schmeckte wie die Früchte, die sich, mit Feuchte nicht mehr versorgt, von den Sträuchern gelöst hatten, und nach Verwesung wie die Insekten, zu Myriaden gestorben, wie die Vögel, die ihnen zu folgen begannen.

Das war der September gewesen. Dann, kaum weniger heiß, der Oktober, der sich ebenbürtig gezeigt hatte in Überhitzung und in Verderbnis. Die Forsythien hatten ein viertes Mal geblüht, der Jasmin zum dritten. Die Anzahl der Knospen war geringer geworden Mal um Mal, die Größe jeder einzelnen vermindert; in der Mahlerschen Sinfonie dieses Sommers callando endlich auch der Geruch der Blüten und ihre Leuchtkraft: Der schien, bei unverminderter Intensität des Tageslichts, ihre Spitze genommen durch den Staub, diesen braunen feinen lautlosen Staub, der das Insektengewimmel mit erdiger Lasur überzog, dem Forsythiengelb ein fahles Beige auf den Weg gab und den Jasminblüten eine ungesunde Brüchigkeit, als litten auch sie unter Kartoffelfäule, jener modernden Pest, die seinerzeit unterm schlaffen Kraut grassierte, sich zu vermählen betörend mit dem Duft des Jasmins, einem den Atem zu rauben. Damals tauchten die ersten missgestalteten Kartoffelkäferlarven auf, Monstren, die sich auf halber Länge der prallen Pelle teilten, zwei hässliche Köpfe mit unförmigen Mandibeln, Maxillen, Labien auf dem einen nackten Korpus trugen, sich fortbewegend auf viel zu vielen Saugnäpfen, warzenähnlich, und während die Zeitungen noch darüber rätselten, ob die Hitze die Chromosomen der Kerbtiere zu schädigen in der Lage gewesen sei, oder ob sich die Elterngeneration die Gene an den Spaltprodukten der Kartoffelfäule verdorben hätte, oder ob der feine Staub der von Kieselrot sei, krebserregend, oder ob sich, dem kritischen Blick der Öffentlichkeit entzogen, ein Unfall in einem der vielen Kernkraftwerke ereignet hätte, wütete die Hitze weiter mit gleichbleibender Kraft, verdunstete das Wasser in den Rinnsalen, die einmal den Namen von Flüssen getragen, und in den Pflanzen, die dabei waren, ihr Grün zu verlieren und eins zu werden mit den Klängen des Windes, wenn der schwach aufkam, Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Viele Larven überlebten die Glut nicht. Fielen, an die Unterseite eines gilben Krautblattes geklebt, mit diesem nach unten auf steinharten Boden, dumpf glühende Plattform; verdorrten am Stängel, wenn mittags die Sonne am höchsten stand, die fleischigen Fühler an den zwei oder drei Köpfen verschmort zu lilafarbenen Stümpfen.

Im Hintergrund, verhalten, schlummernd zum Wahn: Generalbass, Requiem, sehr lange Pause. Wenigen nur glückte die letzte Verwandlung, die letzte Häutung, um sodann, noch bevor der schützende Panzer von Chitin ausgehärtet war, von außen nach innen zu Dampf zu mutieren; hätten die Zeitungen das Thema weiter verfolgt, wären ihnen Fotos beschieden gewesen von Kerbtieren, die, auf dem Rücken liegend, zehn, zwölf Beine in die Luft reckten, aber die fortwährende Hitze hatte alle gleichgültig gemacht und gelassen und keiner scherte sich mehr um Auswüchse, es war, als hätte das Übermaß an Sonne und Faulheit und Licht den Menschen die Lebendigkeit ausgetrieben.

So begann der November. Mit Temperaturen zwar, die

 

 

Dann kamen Fruchtfliegen ... winzige, farblose Tierchen mit durchsichtigen Flügeln, so klein, dass die stickige Luft manch Staubkorn wirksamer beschleunigt, die auf der Suche nach Säften heimlich geräuschlos alles bedeckten ... Nichts war vor ihnen sicher ... sie krochen hinter Klappen in die Mülleimer ... durch die Ritzen allzu lässig verschlossener Marmeladengläser ... in die Obstfächer der Schränke ... in Limonadenflaschen ... benutzte Gläser ... um alsbald das Objekt der Begierde mit der Unzahl ihrer Leiber zu überziehen ... Mutierte Generationen waren auch Fleisch- und anderen Säften zugetan; rohes Fleisch, das Blutwasser zog, weiche Würste, die ranzig schwitzten, gefrorener Fisch, der lymphwässrig taute, lockte sie ebenso an wie Eingeweide geplatzter Beeren ... Einmal ... wollte ich das Kind wickeln ... Es lag auf dem Bauch, reglos wie meist ... und ich bewunderte, wie vollendet der Schwung seines Rückens sei ... und wie unendlich zart der Flaum seidiger Härchen auf goldener Haut ... doch das Goldene Vlies, das es schmückte, waren Insekten ... Insekten, Gila ... Fruchtfliegenmutanten ... über und über ... die ihn wimmelnd mit Fell überzogen ... – Und jetzt, seit ein paar Tagen, Gila, kommen Schmeißfliegen ... Fette Schmeißfliegen, von den dunklen Ritzen des Hauses verlorn über Nacht ... Morgens sind sie da mit dem ersten Sonnenstrahl auf die Wand, fett, amerikanisch, behäbig, und wienern in selbstgefälliger Ruhe ihre Kotflügel aus Chrom, damit die noch metallischer glänzen als ohnehin schon, und bevor man sie erschlagen kann, haben sie abgehoben zu einem Dröhnflug, der in Serpentinen stets dahin führt, wohin man nicht zielt

... Das Kind zieht sie an wie Motten das Licht ... In den Ecken und Fugen warten sie still, bis es versorgt ist und bis ich das Zimmer verlasse ... Dann heben sie ab, sich ihm zu nähern, umschwirren es brummend auf der Suche nach Nahrungsresten und Kot ... Es scheint sie zu fürchten ... Es schreit los, sobald es sie hört ... Ich kann es kaum beruhigen, Gila, es schreit und schreit und schreit ... Kind, sage ich, ich werde dich retten, schaue nach, ob es trocken ist, nehme es auf den Arm, verlasse das Haus, wiege es irgendwann, irgendwie in den Schlaf ... durchsuche das Zimmer nach fetten Fliegen ... und höre von unten Geschrei ... sein Jammern und Winseln, das die Dicke der Mauern und Hitze durchsticht ... und ich stürze nach unten ... ich kann es kaum beruhigen, Gila, es schreit und schreit und schreit ... und ich schaue nach, ob es trocken ist, nehme es auf den Arm, verlasse das Haus, wiege es irgendwann, irgendwie in den Schlaf ... und untersuche das Zimmer nach Fliegen ... Und während ich suche, hebt es erneut an zu schreien ... Und ich kann es kaum noch beruhigen, es schreit und schreit und schreit ... So geht das seit Tagen, Gila ... und ich ertappe mich ... immer öfter dabei, dass in mir unbändig die Lust wächst, ... – .... –

Heute Nacht träumte mir, ich gehe in sein Zimmer, die Lampe über dem Wickeltisch brennt, es ist bleierne Nacht, sie drückt schweigend aufs Fenster. Es ist still, außergewöhnlich still, selbst das immerwährende drohende Summen der Fliegen ist weggefallen in das randlose Loch dieser vernichtenden Nacht. Ich sehe, ich nähere mich wie in Trance seinem Bettchen, und als ich’s erreiche, lässt mich der Anblick erstarren: Es hat sich bloßgestrampelt und eingeschissen. Unbewegt ist es eins mit den braungrünen Furchen des Lakens, der stinkenden Soße aus Schweiß, Scheiße und Pisse, in der es sich gewälzt haben muss, bevor ich eintrat; jetzt ist es bedeckt von einem lebenden Teppich aus smaragden funkelnden Punkten ... Da wuseln, behäbig, geschäftig, beharrlich, wie sie das gewohnt sind von ihrer Arbeit an einem Kuhfladen oder Stück Aas, Hunderte Schmeißfliegen umher auf dem hingeschütteten Rumpf, den leblos abstehenden Gliedern, auch dem Kopf, sie untersuchen eingehend die Zunge, die weit heraushängt, tauchen ein in die Höhle des Mundes, sie krabbeln ins taufeuchte Tal der weit offenen Augen, die sich nicht rühren ... – Allmählich bekomm ich’s mit der Angst, Gila, verstehst du, Gila ... mit der Angst ... –

 

 



 Konzert im Schloss. Roman in Fetzen

Reinhard Rakow (Autor)

Geest-Verlag 2012

ISBN 978-3-86685-336-2
490 Seiten 17,50 Euro

Cover: Reinhard Rakow


Mit „Konzert im Schloss“ vollendet Rakows vielgestaltiger Erzähler den mit der „atem~pause“ aufgenommenen Bogen. Eine zwischen radikaler Prosa und berührender Lyrik changierende Sprache, Brüche und Verwebungen werden getragen von einem mitreißenden Erzählstrom.  Durfte der Erzähler im "Berg" (in Rakows "atem~pause. Roman in vier Sätzen") noch hoffen, ist er hier nichts mehr als nur "Erdenwurm", von "Nägelschlägen" zertrümmert. Schon dieser vielfach gebrochene, Funken sprühende und Volten schlagende Text ist den Kauf dieses Buches wert. Hier erzählt einer um sein Leben, und dem Leser wird abwechselnd kalt und heiß dabei.


Leben, Liebe, Tod – nichts Geringeres als die Determinanten der menschlichen Existenz verhandelt Reinhard Rakows fulminantes Roman-Duo in packender, komplexer Weise. Wer sich darauf einlässt, dem Erzähler über 900 Seiten auf dem Weg von der „Aria“ der „atem~pause“ bis zu den „Nägelschlägen“ des „Konzerts im Schloss“ zu folgen, dem wird bisweilen der Atem stocken. Ein Staatsdiener auf Abwegen, das Opfer eines Arbeitsunfalls, eine überforderte Bäuerin, ein einsamer Greis und andere mehr konfrontieren ihn mit unbequemen, verstörenden Fragen. Doch wird der Leser reich belohnt, mit einer kompromisslosen Prosa, berührender Lyrik und einem mitreißenden Erzählstrom, in dem besternte Momente und Situationen von Hoffnung auffunkeln wie Tropfen, in denen sich Sonnenlicht bricht. Jedem im vielzähligen Chor seiner Akteure verleiht Rakow eine ganz eigene Sprache. In ihr vollziehen sich, kunstvoll verwoben, faszinierende Begegnungen von Spannendem und Drastischem, von Poesie und Sinnlichkeit auf engstem Raum.

„Habe  „Nägelschläge“ gelesen. Bin in den Rausch gezogen worden, musste mich gelegentlich schützen, kann dazu nichts sagen, weil alles gesagt ist. „Er hatte noch so viel Liebe in sich“ - das ist ein wirklich schöner und tröstenden Satz.“ (Marianne Pumb)

Auszüge:

Dass alles so rein bleibt

Ich hab mir das nicht ausgesucht, das hier. Den Hof. Das schrotte Haus. Den Misthaufen. Die leeren Kuh­ställe. Die brachliegenden Äcker. Ich hab mir das nicht ausgesucht. Glaub nur nicht. Aber jeder muss tun, wo er hingestellt ist, sag ich immer. Von nix kommt nix, das kannste dir merken, sag ich Rolf immer, wenn er wieder mal mosert. Aber das willst du ja nicht ver­stehen, sag ich, Du gondelst bloß den ganzen Tag mit deinen Debilen durch die Gegend und abends hängst du rum vorm Computer, oder bist am Telefonieren, den feinen Mann markiern. Ach Rieke, meint Rolf dann, wenn er gut drauf ist und legt mir seinen linken Arm um die Schulter und sich die rechte Hand hinters Ohr, Horch mal, Rieke, horch mal. Hörste den Motor? Der ist von der Bartwickelmaschine. Soon Bart ham deine Witze, nämlich.

Also der Wecker klingelt um vier. Steh ich auf, geh duschen, mach mich fertig. Nehm meine Medika­mente. Brüh mir nen Kaffee oder zwei. Stark sein muss er schon, drei Löffel die Tasse, den kräftigen von Aldi. Im Winter ist es stockduster natürlich und still, im Sommer wirds hell und die Vögel machen Geschrei wie nix Gutes. Mein erster Gang führt immer zu den Hühnern. Von Weitem hört man die Ventilatoren brummen und klackern, sommers wie winters, Tag und Nacht, da kann man sich drauf verlassen, das gibt gleich ein gutes Gefühl. Und ich hör sofort, mit der Lüftung ist alles in Ordnung, da fängt der Tag schon mal gut an. In der Schleuse leg ich mein Zeug ab, pell mich ein inn neuen Anzug aus weißem Plastik, Stiefel, Mütze, Mundschutz, zuletzt die Handschuhe, weiß, alles weiß. Drinnen ist ständig Gesummse. Fiepen und Piepsen, solang sie noch klein sind, später Krietschen und Glicksen. Pausenlos. Wie eine Wolke, wie eine Wolke Gacker-Ragout verstopfst dir die Ohren. Du verstehst dein eigenes Wort nicht, wenn du nicht brüllst. Früher hats mich verrückt gemacht, regelrecht kirre. Wiwiwiwiwi, wo du auch bist, was du auch tust. Wiwiwiwiwiwi. Ob du die Futterautomatik kontrollierst oder die Wassertränke. Wiwiwiwiwi. Wiwiwiwi. Ob du nach der Medizin greifst oder nach der Schiebkarre. Wiwiwiwiwiwi. Vierzigtausendmal Wiwiwiwi. Vierzig­tausendmal in einem einzigen riesigen Raum, und du allein mittendrin. Wiwiwiwiwiwi. Geträumt hab ich davon. Wiwiwiwi. Jetzt hör ichs nicht mehr. Jetzt riech ich auch nichts mehr, nicht die Scheiße, nicht den Mist, nicht die toten Viecher, die Pisse, die Gase, den ganzen Ammoniak. Da bin ich resistent gegen, in­zwischen, meine Nase ist dicht, da kommt nichts mehr durch, nicht einmal das schwerste Parfüm.

(Parfüm, Rieke, weißt du denn überhaupt, weißt du denn wenigstens, wie man ‚Parfüm’ buchstabiert?)

Rechnen können muss man schon. Sechzig Milchkühe hatten wir, schwarzbunt, die Genossenschaft zahlte 23 Cent zuletzt, 23 Cent für Futter, Dünger, Wasser, Strom, Tierarzt, Gebäude und Unterhalt, Land­maschinen und Sprit, für Arbeit und Lohn. Für zwei Erwachsene und zwei Kinder ganze dreiundzwanzig. 23 Cent den Liter. Bei Aldi gibst du 50. Fragt sich, wo bleibt der Rest, hat Walter gesagt, die Aldi-Brüder. 35 Cent, ist ja nicht viel eigentlich, nicht wahr, 35 hätten wir gebraucht, um über die Runden zu kommen, besser 37. Um kostendeckend zu arbeiten. Kosten­deckend, das heißt: Gewinn nicht eingerechnet, ver­stehst du? Bei jedem Liter Milch, den wir produzierten, haben wir Geld dazugebuttert. Dazugebuttert! Liter für Liter, da kann man besser wegkippen. Hör mir auf mit deinem Genöle wegen der reichen Aldi-Brüder und von wegen Kapitalismus, hab ich Walter gesagt. Die Quote ist schuld, sie ist zu hoch, sie wirft viel zu viel Milch auf den Markt, und die Quote ist Planwirtschaft pur. Was wir bräuchten, wär Markt, einen natürlichen Kreislauf, der Angebot und Nachfrage ausbalanciert, der das Angebot ausdünnt und die kleinen Krauter verdrängen würde, damit der Rest ordentlich wirt­schaften könnte, hab ich gesagt. Aber das Bräuchte und Würde und Könnte hilft uns nicht weiter. Quote ist Quote ist Quote ist Quote, das ändern wir nicht, Walter, du nicht und ich nicht, und heut nicht und morgen nicht, und bis der Markt kommt. Die Molkerei zahlt doch auch nicht mehr. Ich frag mich: Wie lange geht das gut? Wie lange soll, wie lange kann das gut gehen, hab ich ihn gefragt, Walter, sag: Wie lange noch?! Das Getriebe vom Trecker hält kein Frühjahr mehr, nebenan der Keller steht unter Wasser, das Futter ist schon wieder teurer geworden, Strom und Gas, Öl und Diesel sowieso. Tom hat vor den Oster­ferien Klassenfahrt, den können wir nicht schon wie­der fehlen lassen, Rolf weiß nicht, wo er seine Schul­bücher herkriegen soll, und ich war seit Weihnachten nicht zum Zahnarzt, wegen der Zuzahlung. Das ist doch kein Leben, Walter!, Das ist doch kein Leben! Und wenn dein Vater sich tausendmal im Grab um­drehen würde: Die Kühe müssen weg, Walter! Besser gestern als heute. Mit deiner Milchwirtschaft schaufeln wir uns noch unser eigenes Grab, uns und den Kindern gleich mit, was glaubst du, wie kniesig der Alte erst wäre, wenn er das mitbekäm. Und dann hab ich die Bank angerufen, den Volker, der ist da Ren­dant, wir waren zusammen auf der Mittelschule, ich konnte schon immer gut mit Zahlen, Mathmatik und Chemie und Physik und Kopfrechnen, und hätte auch gern mein Abi gemacht und BWL studiert oder auf Steuerberater, aber uns Vati, der meinte, es reicht, wenn der Klaus auf die Oberschule geht, die Rieke wird sowieso geheiratet und Mutter, die soll auf die Hauswirtschaftsschule, da lernt sie, was sie braucht für ihr Leben, aber Volker, Volker, der hat es geschafft und weitergemacht und war in der Stadt und dann hat er hier die Filiale übernommen, ein bisschen neidisch werden kannste da schon, Fein, dass du dich meldest, Rieke, sagt er am Telefon und klingt ernst und er­leichtert, Da brauch ich dich nicht anzurufen.

….

 Aus „Nägelschläge“:

Knien drosch er ein auf das Nagelvolk (ihre Kerle/ „Keinen Zweck“/ keine Freunde/ die Leere/ die leere Suche), schwangriss den Hammer überkopf, er wog (!!!), und es pochte, mit jedem Pochen bildeten sich Lichtwaberkreise vor seinen, schlug zu mit aller Wucht, zu der er noch, zu, dass es KEINEN ZWECK spritzte, Metallischer Wind schnitt ihm in die Augen (Kleists Augendeckelamputation im Angesicht von Caspar David Friedrichs Rügen–Rücken–Akt!{kleist, was hast du bloß dauernd mit diesem kleist? die sprache! die sprache! und das rasend ins scheitern verliebte! rasend ins scheitern verliebt?! so hoch willst du ihn stilisieren, diesen auf-der-ganzen-linie-ver­sager? dieses, wie soll ich sagen eingedenk seiner briefe, in denen er seine arme verlobte mit eitel­gekotze zuschüttet, ihr, sich selbst zitierend als be­weis seiner angeberei, hausaufgaben zuteilt, dieses charakterlich unterentwickelte arschl... na und? viel­leicht fasziniert mich ja, dass auch ein schlechter mensch gut schreiben kann. immerhin! vielleicht erkenn ich ja in ihm die projektion aller von selbst­zweifeln geplagten? vielleicht find ich mich}), fand die Lücke zwischen den Lidern, ab und zu zwang er Ihn, anzuhalten, an, das Eis wegwischen, das die Wim­pern, torkelnd, sie herauszureißen, einzeln anpacken, mit klammen Fingern, reißen weißen FINGERN Halt suchen, seine Wimpern fühlte er nicht mehr, seine Hände fühlte er nicht mehr, seine Füße fühlte er nicht mehr, Frostbrocken, Eisklumpen, Abwesende, weiß­blaue Löcher, NICHTSE, die stolperten schlurftensich automatisch hoben (noch eben) und senkten ab und zu ABUNDZU griff er mit der rechten Hand, als stün­den die Flanken des Troges neben ihm |Ob er doch besser zurück sollte zum Wagen? Der Trog-, der Trotzburg, Alu, verzinkter Stahl, immerhin, zurück also? Vorwärts immer, rückwärts nimm|er wurde gegangen, eine Marionette, Poupée de cire, poupée de son sein ganzes missglücktes gescheitertes in den Sand gesetztes verkorktes leichtfertig verschwende­tes Leben lang, die also gegangen wurde vom zischenden Wind, BRRR~Rückenwind, Gegenwind, nach, und auf Knien rutschend verfolgter, KEINEN ZWECK!! was sich dem Zerquetschtwerden entzog, um die Wucht seiner angestauten Zerstörungswut Heinrich, der dauerverschnupfte Eismann, ständig Opfer irgendwelcher meist eitriger Stirn-, Kiefer-, Nasennebenhöhleninfekte, indes nie im Besitz eines Taschentuches (his very special kind of anti–bourgeoises Aufbegehren, isńt it?! (O yeah!)) hielt sich, wo er auch war, mit dem Daumen eines seiner Nasen­löcher zu, durchblies mit Macht das andere, sich seines Rotzes geschossartig zu entledigen, mangels Taschentuchs

– Aufhören! Sofort! Das ist ekelhaft! Peinlich! Obs|

– Wieso? Ich habe noch mehr auf Lager: Fußpilz, Tripper, Vorhautkäse, Scheidenfluss, ausgeleierte F

– Es fehlt dir an Anstand! An Stil!

– Säufer, Drogis, Kommissköppe, Altenpfleger, Mi­nister, Banker,

– Schluss!

– Du vergisst, dass ich aus der Gosse komme. Einmal Gosse, immer Gosse. Mein Vater hat nach Stall ge­stunken und mit seinem Stallgestank hat er am Mittagstisch gehockt und Suppe geschlürft aus der Kumme und sich in der Stube zum Fernsehn auf der Chaiselongue breit gemacht, die danach voll war von diesem Gestank, dass man keinen mehr reinbitten konnte und nachts ist er damit ins Bett gefallen. Er hat den Nachbarn die Säue geschlachtet und die Kälber und Ziegen, und wenn er wieder mal klamm war, hat er Jungebern bei unbetäubtem Leib die Säcke ab­gesäbelt mit seinem Rasiermesser, mittags die Eier mit Kartoffeln in der Pfanne gebraten und verschlun­gen, er wurde, wenns abends ihn zwackte, von meiner Mutter, die ihn HURENBOCK hieß, ALTE SAU, hinter ihm her schrie, DRECKSAU, GEH DOCH ZU DEINEN NUTTEN, quer über den Hof getrieben, sie keifte hinter ihm her, das halbe Dorf brüllte sie zusammen, das also am Tor gaffte und seine Gaudi hatte, und mor­gens wischte er die Kruste geronnenes Sackblut ab und rasierte

– Ist ja gut, ist ja gut. Schreiben als Selbsttherapie, verstehe. Vulgo: überbordende Eitelkeit. Ums auf den Punkt zu bringen. Nur: Wen interessiert das? Und wer interessiert dich? Interessiert dich überhaupt noch jemand? Jemandes Kultiviertheit, jemandes Feinsinn, jemands Empfindung? Du schmückst dich mit der Attitüde des Grenzverletzers und bist doch nur ein zur Selbstkontrolle unfähiger Wirrkopf, um keinen Deut besser als jener bemitleidenswerte Nichtsversteher, sein Name ist mir, Gott seis gedankt, gnädig entfallen, der einst seinen literarischen Suizid vollzog, indem er in Klagenfurt die Träume eines Babyfickers, sprachlich aufgeblasen, vorlas. Toll! Revolutionär! Mutig! Und noch ein Tabu geschleift!! Heldenhaft! Weißt du, was der für mich war? Was du für mich bist? Ein kranker Narziss, sonst nichts! Es dreht sich immer nur um dich, egal, ob du eitel mit deinen Glasperlen klimperst oder ob du deine fäkaliengefüllte Latrinen über dem armen Leser entleerst, der sich dir ahn- und arglos auslief

– Aber wenn es doch die Wahrheit ist! Das Niedrige und das Eklige ist die Wahrheit! Soll, wer schreibt, darum einen Bogen machen?! Es ausblenden, als gäbe es das nicht? Kunstvoll andeuten in fürnehmer Wortwahl, gedrechselt, fein ziseliert? Literarisch die Einmalhandschuhe überstreifen, sobald man in Gefahr gerät, etwas Unbotmäßiges zu sagen, etwas, das gegen die Regeln der Ästheten verstößt, verstoßen könnte? Bogenschreiber gibts schon genug, oder?! Und wohnt nicht dem Abstoßenden

– Ach, hör auf. Als wüsstest du nicht, dass auch der Hass gegen die Niedrigkeit die Züge verzerrt. Dass du Verrohung beförderst. Dass du, wenn du Empfind­samkeit willst und Empathie, nicht

 das andere, sich seines Rotzes geschossartig zu ent­ledigen, mangels Taschentuchs nie wissend, WEL­CHEN

ZWECK und er drosch! und er drosch!! und er drosch!!! auf sie ein auf SIE ein auf ihn (wobei es vorkommen konnte, dass er, nachdem Heinrich den Wagen benutzt hatte, beim Hantieren um Kassetten, die rechte Seite des Fahrersitzes abtastend, in dessen Rotz DROSCH der Schmerz()) Nur der Schmerz war jetzt zu hören und das Zischen des gefräßig träg blitzenden Windes,

mit dem der Rechner hochfuhr, es schien ihm Mal um Mal gefährlicher. Vorm Fenster hing

Sag, weißt du noch, damals im Winter? Die Winter waren härter damals, meine ich. Ich erinnere mich ... an zugefrorene Fenster ... an kleine, dreigeteilte Lichtscharten im Dunkel, oben quer eine schmale ...

roman lange

***

mit dem der Rechner hochfuhr,

Wie kann ich denn sagen, was ich empfinde, wenn ich selbst es nicht weiß, FauréSchumannSchubert (nebst schneeheller Leichte!) Nein, man kann nicht zurück, denn es gibt kein Zurück. Nichts bleibt, wie es war, am wenigsten man selbst: Die sogenannte Wiederholung ist pures Fantasma. Es gibt nichts zu wiederholen, Nichts gibt es, was sich wieder holen ließe. Keiner wieder~holt etwas. Nichts jeder. Vorbei ist vorbei. Wenn aber der Status quo ante unerreichbar bleibe, die Vergangenheit Chimäre, die Sehnsucht nach einem Damals das Sublimat schnödblöder Sisyphosarbeit: warum dann nicht gleich VORWÄRTS?! Eh egal. – Einer der Penner erinnerte („erinnerte“: Nein, auch das bringt nichts wieder! NICHTS! es formt um, bestenfalls, nach VORNE (vorwärts! und nicht vergess! Kirkegards PosthornSchneckenspirale, nach innen = rückwärts, nach außen = vorwärts gewandt, nach innen =) mein Herz! mein Heherz! Versteh doch, DU MUSST Weiter, immer weiter! Stolpern! du müder) erinnerte ihn

 

Eine Straße musst du

erinnerte ihn

an eine Notrufsäule gelange, wann endlich er an eine NOT, ob er vielleicht doch die falsche Richtung gewählt, und doch besser ?ZURÜCK? Und wie lange noch er den Schmerz der abgefrorenen Füße und den Schmerz der ausgerissenen Wimpern und das Zucken Zz

zuweilen an jenen tagen die grau aufstehen grau weiter wanken um grau endlich niederzusinken wenn alles nur schwer fiel jede bewegung jeder gedanke ja jede empfindung zur last ward es ihn hinab zog ihm deuchte wie viel er versäumt und wie wenig noch bliebe rührte ihn an da er das ende nah wähnte doch noch nicht wollte öffnendeklammer als würde das jemals schließendeklammer weil(tilde)wie sehr er noch am leben hing und er fand so lange er auch grübelte über den grund seiner uneinsichtigkeit nichts außer dass noch zu viel liebe sei in ihm sei

Von

... 

 

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